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Gilt eine Verordnung nur für einzelne Bürger oder für alle gleichermaßen?

 

              Gleichbehandlung hat den Vorteil, dass man sie nicht begründen muß. Nicht wer gleich, sondern wer ungleich behandeln will, braucht dafür relevante Gründe.

              Dr. Dr. Rainer Erlinger

Eigentlich sollten alle Bürger gleich behandelt werden. Doch eine Verordnung kann gegen einzelne gerichtet werden, während die Bürokratie bei anderen die Augen zudrückt. Das Ergebnis von Verordnungswut ist Willkür. Nicht die Verordnung ist dann das Entscheidende, sondern das Ermessen und die Begründungen der Bürokraten.

Vollends pervertiert wird das System, wenn die Erfüllung einer Verordnung von der verordnenden Bürokratie selbst verhindert wird. Das Recht wird beliebig und unverbindlich, bis hin zu seiner Umkehrung, in der sich Sicherheit und Ordnung auflösen. Das ist im Wasserschutzgebiet von Augsburg der Fall.

In einer Reihe von Briefen versuchte die Bürokratie zu begründen, weshalb zwei Personen einen Kanalanschluß für ihr Örtchen im Wasserschutzgebiet selbst herstellen und teuer bezahlen müssen, während nebenan Hunderte ihr Klo ohne Kanal lassen dürfen. Wie begründet ist ein Kanalanschluß für den Wasserschutz, wenn sein Fehlen genauso anerkannt wird?

Es läßt die betreffenden Ämter, Regierungsbehörden und ein Ministerium nicht gerade glaubwürdig erscheinen, ebenso wie den Nutzen ihrer Verordnungen.

 

Wo Willkür möglich ist, wird das Leben unsicher.

Leseprobe

Die Protagonistin Josefa steht mit einigen Leuten im Wasserschutzgebiet neben einem Klohäusl. Unter den Anwesenden befinden sich auch zwei Bürokraten.

 

... „Aber Hallo!“ He, da spricht was. Ist etwa ein Bauchredner unter uns? „Hallo!“ Da schon wieder! Wir sehen uns entgeistert an. Vorsichtig frage ich ins Blaue hinein: „Wer spricht?“ „Hallo ich bin es.“ „Ja, wer jetzt?“

„Das Wasserschutzgebiet! Ich bin sein Geist.“

„Also so etwas habe ich noch nie erlebt“, ruft der erste Bürokrat. Und der zweite murmelt nur: „Jesus, Maria und Josef.“ Überwältigt von dieser Erscheinung, zieht er aus der linken Hosentasche einen Rosenkranz. Vielleicht droht die Apokalypse? Aber der Geist sagt nur: „Ich habe ein Problem.“ Ein wenig ratlos frage ich ihn: „Können wir dir irgendwie helfen?“ „Ich fühle mich in den letzten Jahren stark beschworen, doch dabei kenne ich mich selbst nicht mehr. Weiß nicht mehr wo ich steh´, noch wer ich bin“, antwortet der Geist.

„Das klingt nach Sinnkrise“, errate ich. „Du bist ganz schön runter.“ „Das hast du aber gut erkannt. Weißt du, früher war´s mir schon klar: ich bin ein Geist, der stets verneint.“

„Wirklich“, frage ich. „Auch wenn der Boß vom Konzern nach Erweiterung weint?“ „Nein!“ „Und Opa? Darf der sein altes Häuschen noch umbauen?“ „Nein!“ „Und brauchst Du den Kanal für dein Glück?“ „Nein.“

„Dein Nein ist nicht immer ein Nein. Hast du das gemerkt?“ „Nein, so genau schaue ich gar nicht hin.“

„Na du bist mir vielleicht so ein Rußland!“ sage ich zum Geist. „Ich ein Rußland? Wieso?“ „Ja! Kennst Du nicht das Sprichwort: in Rußland ist alles verboten, aber alles ist möglich.“

„Ich bin der Wasserschutzgeist. Ich mache, was ich will“, knurrt der Geist. „Bild’ Dir bloß nichts ein. Jeder sieht, dass Du kein Engel bist“, schimpfe ich. Er regt mich auf, der Geist, der stets verneint, so wie es ihm gefällt. Wo kommen wir da hin?

„Du sag’ einmal“, frage ich ihn dann. „Fährst du auch in Menschen?“ „Logisch“, antwortet der Geist. „Wenn ich gerufen werde, komm´ ich.“

„Alle Leute?“ „Alle.“

„Bürokraten auch?“ „Sowieso, die sind mir die liebsten.“

„Ja, und Regierung, Politiker?“ „Schon, schon.“

„Und die Ministerialen?“ „Umwelt- und Verbraucherschutz! Ja freilich, bei denen schlaf‘ ich gut. Wir stecken alle unter einer Decke.“ ...

aus: Brillen für die Bürokratie


© Karin Brandl, Alchima®