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Trinkwasser-Alarm im Wasserschutzgebiet - ein Tagebuch

 

Montag 23.3.2009 - Das Erwachen eines Politikers

Haunstetten: Trinkwasser-Alarm wegen alter Munition

So begann die 13. Woche des Jahres 2009. Frühstückslektüre Augsburger Allgemeine.

Altlasten am alten Schießplatz in der Engeren Schutzzone des Augsburger Wasserschutzgebiets führten lt. Messungen des Wasserwirtschaftsamtes Donauwörth zu Verunreinigungen im Grundwasser. Da das Grundstück dem Bund gehört, wandte sich der Bundestagsabgeordnete Christian Ruck in einem Brandbrief an Bundesminister Steinbrück, Maßnahmen zur Bodensanierung ergreifen zu lassen.

Ich vermutete natürlich sofort, dass der Abgeordnete Ruck ein druckfrisches Exemplar von Brillen für die Bürokratie ergattert haben mußte. Wie sonst wäre er nach 30 Jahren, in denen der Schießplatz ohne Sanierung geblieben war, auf die Idee gekommen, einen “Brandbrief” zu schreiben?

 

Dienstag 24.3.2009 - Das Abwiegeln des Wasserversorgers

Munitions-Altlasten keine akute Gefahr

Das Frühstück heute mit Spannung erwartet, wegen der Schlagzeilen. Die fallen eher dürftig aus. Bei den Stadtwerken sieht man die Altlasten mit Sorge, warnt aber vor Panik. Die Trinkwasserbrunnen sind 600 m entfernt, dort wurde angeblich kaum was gemessen. “Bis zu den Brunnen findet im Grundwasserstrom eine enorme Verdünnung statt.” beschwichtigt Dr. Franz Otillinger von den Stadtwerken.

Mittelfristig dringend wünschenswert sei die Beseitigung der Altlasten. Hingegen spricht sich Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband gegen die Bodensanierung aus. Der Schießplatz zähle zu den wertvollsten ökologischen Flächen in Augsburg und ein Baggereinsatz würde Teile davon zerstören.

Das ist die Entsorgungsidee! Wir legen einfach ein Naturschutzgebiet über Altlasten, dann darf keiner mehr dran rühren ...! (Wer weiß, was da sonst noch alles rauskommt!?)

 

Mittwoch 25.3.2009 - Die Ernüchterung

Schießplatz im Wasserschutzgebiet kein Wahlkampfthema

Was ist Augsburg nur für ein langweiliges Nest. Endlich ein richtiger Skandal, und keiner geht hin. Heute morgen nur eine winzige Nachricht in der Zeitung. Lt. Bundestagsabgeordnetem Heinz Paula taugt die Story nicht für ein Wahlkampfthema. Außerdem seien bei Messungen durch den Bund, dem die Immobilie gehört, alle Grenzwerte unterschritten worden.

Na also. Ist doch nicht weiter schlimm. Das bißchen Schwermetall wiegt kaum etwas! Paula findet eine langfristige Lösung wichtig. (Wie lange dauert es, bis er in Ruhestand geht? Hätte er nicht wenigstens auch einen Brief an den Immobilieneingentümer schreiben können?)

 

Samstag 28.3.2009 - es gibt draußen viel zu tun, bleiben wir lieber im Bett

Altlasten im Wasserschutzgebiet kein Thema mehr

Was, eine Notiz kaum größer als eine Briefmarke! Da schmeckt das Frühstück schal und fad. Aber der Augsburger Umweltreferent Rainer Schaal hat zu den Altlasten im Wasserschutzgebiet nicht mehr zu sagen, außer “Das Trinkwasser ist nicht in Gefahr”. Das war sein Kommentar in der Stadtratssitzung.

Anstatt sich um die Schwermetalle im Wasserschutzgebiet zu kümmern, setzt sich Umweltreferent Schaal viel lieber für eine Beleuchtungsmaßnahme ein, die unseren Kanal und die Feuerwehrzufahrt gefährdet.

 

Das war’s - wir klappen das Umweltkompetenztagebuch wieder zu

So ein brisantes Umweltthema braucht in Augsburg nicht einmal eine Woche, um mit großzügiger Abhilfe von Politik und Wasserversorger wieder in der Versenkung zu verschwinden. Dornröschen schlief 100 Jahre, die Stadt Augsburg zum Thema Schießplatz erst seit 30 Jahren.

Ausnahmegenehmigung und Bau unseres privaten Abwasserkanals im Wasserschutzgebiet beanspruchten in Augsburg hingegen fünf ganze Jahre. Alle Bürokraten waren hellwach dabei.

 

Die Wasserschutzzonen kurven, wie sie wollen. Nur der Experte weiß warum. Am alten Schießplatz verschossen Soldaten Munition, was das Zeug hält, Wehrmacht und danach Amerikaner. Doch der Platz gilt als strenge Zone. Dort wohnt zumindest keiner, nur Waschbären und Rehlein; die tun den nahen Brunnen nichts.

aus: Brillen für die Bürokratie Mein Buch erschien am 1. März 09.

Am 23. März war das Thema als “Trinkwasser-Alarm” in der Presse, verschwand aber gleich darauf wieder in der Versenkung. Damit die Altlastengefahr nicht in Vergessenheit gerät, können alle Bürger unsere örtlichen Bundestagsabgeordneten (das Grundstück ist Bundeseigentum) öffentlich daran erinnern auf der Internet-Plattform

   www.abgeordnetenwatch.de

mehr zum alten Schießplatz im Augsburger Wasserschutzgebiet

Der erste Artikel der Augsburger Allgemeinen ist leider nicht mehr als Link verfügbar, aber im Online-Archiv der AZ zu finden.

21.3.2009 Trinkwasser: Firma verklagt Stadtwerke Hersteller von Aufbereitungs-Anlagen kritisiert Werbung

23.3.2009 Trinkwasser-Alarm wegen alter Munition In der Scheißplatzheide droht Gefahr wegen Altlasten

24.3.2009 “Keine akute Gefahr fürs Trinkwasser” Mittelfristig kann Verschmutzung nicht ausgeschlossen werden


© Karin Brandl, Alchima®